Mein schlimmstes Vorstellungsgespräch

Auch als Personalrecruiter macht man die eine oder andere Erfahrung eines Vorstellungsgesprächs und zwar auf der „anderen Seite“. Als Bewerber und nicht in der täglich gewohnten Position des Personalrecruiters der das Vorstellungsgespräch führt und über die Eignung des Bewerbers urteilt.

Hier möchte ich meine negative Erfahrung als Bewerber teilen. Denn gerade als Personalerin war dies für mich ein Augenöffner. Erschreckend. Herabsetzend. Wenig respektvoll. Eine Erfahrung die ich nie wieder machen wollte. Eine Erfahrung, die mir zeigte, was ich als Personalerin/Recruiterin anderen nie zumuten wollte und will.

Der Tag des Vorstellungsgesprächs

Ich hatte mich auf eine Position im Personalbereich, eines Medizintechnikunternehmens im Raum München, beworben. Auf meine Bewerbung hin bekam ich auch schnell Rückmeldung, inkl. einer Einladung zum Vorstellungstermin. Auch wenn der Termin mitten am Tag etwas ungeschickt war, sagte ich zu und plante meine beruflichen Aktivitäten drum herum. Als Bewerber macht man das ja dann möglich. Meine Ansprechpartner im ersten Gespräch waren zwei junge Frauen, auf den ersten Blick im Xing-Profil sympathisch. Also, beste Voraussetzungen.

Zum Vorstellungsgespräch war ich etwas früh dran. Die Zeit nutzte ich um mich noch mal etwas intensiver mit der Position auseinander zu setzen und auf das Gespräch vorzubereiten. Ein paar Straßen weiter vom Unternehmen, in einem kleinen Café.

Es beginnt

Kurz vor dem Termin betrat ich das Unternehmensgebäude und meldete mich am Empfang. Man bat mich kurz Platz zu nehmen und zu warten, ich werde gleich abgeholt. Es dauerte dann doch etwas länger. Nach etwa 15 Minuten kam dann eine der Gesprächspartnerinnen auf mich zu, stellte sich knapp vor um mir im nächsten Moment zu sagen, dass ich doch viel zu spät dran sei. Mein Termin wäre doch schon um 15 Uhr ausgemacht gewesen. Ich war schon kurz davor mein Smartphone zu zücken und sie darauf hinzuweisen, dass in der Einladung 15:30 Uhr stand, lies es dann aber bleiben. Man möchte ja den ersten Eindruck nicht noch durch „Besserwisserei“ verschlimmbessern.

Während meine Gesprächspartnerin die Türe zum Meetingraum öffnet, erklärt sie mir noch warum sie im Dirndl zum Vorstellungstermin erscheint (wie ihre Kollegin übrigens auch, wie ich in dem Moment sehe). Das Firmenevent steht an und eigentlich sind sie und die Kollegen (die warten bereits) schon auf dem Weg zur Wies´n.  Wer nicht aus München, und Umgebung, kommt mag sich wundern, warum das nicht meine erste Bemerkung zu der Gesprächspartnerin war, welche mich am Empfang abgeholt hat – klar, ist es aufgefallen… doch in einem Unternehmen in München zur Wies´nzeit ist das schon eher normal. Viel schlimmer für mich war, dass ich angeblich zu spät dran sei und dass ich jetzt auch noch den beiden den Start in das Wochenende bzw. zum Oktoberfest versaute. Für mich als Bewerber ein Desaster. Die ersten Minuten des dann folgenden Smalltalks machte ich mir dann eher Gedanken drum warum ich denn jetzt Schuld für die Fehlplanung der beiden Personalerinnen sein sollte.

Während des Vorstellungsgesprächs

Nach dem kurzen Teil des Smalltalks, à la wie war die Fahrt, haben Sie es schnell gefunden, schönes Wetter heute, wurde von einer der Gesprächspartnerinnen der Ablauf des Gesprächs vorgegeben. Sehr gute Idee. Würde ich genauso machen. Dann weiß der Bewerber immerhin wo im Gesprächsverlauf er gerade steht und was erwartet wird.

Der Verlauf des Gesprächs war allerdings dann sehr unausgewogen. Nachdem die beiden sich nochmals mit 3 knappen Sätzen vorgestellt hatten, lag es an mir mich vorzustellen und auch meine berufliche Erfahrung zu erläutern. Warum dabei immer auf die Erfahrung meiner beruflichen Einstiegszeit eingegangen werden sollte, hatte ich nicht verstanden. Aber ok. Dann erläuterte ich zum dritten Mal meine Tätigkeiten, obwohl diese ausführlichst im vorliegenden Lebenslauf aufgeführt waren.

Nachdem ich mich und meine berufliche Erfahrung dargestellt hatte, wollten die beiden immer noch nicht viel zum Gespräch beitragen und fragten mich nach meiner Einschätzung über die ausgeschriebene Position. Was ich mir darunter vorstelle, welche Tätigkeiten auf mich zukommen. Und ich sollte das Unternehmen vorstellen.

Ich? Das Unternehmen vorstellen?? Was soll das denn?

Mein kurzer Einwand, dass ich das eigentlich von meinen Gesprächspartnern erwartet hätte wurde mehr oder weniger überhört. Und so fing ich an, das Unternehmen vorzustellen, die Bereiche und in welchen Branchen das Unternehmen tätig war.

Während der Vorstellung baute ich eine oder zwei Zwischenfragen ein, welche eigentlich dazu anregen sollten meine Gesprächspartnerinnen zum Reden zu bringen. Eigentlich ganz clever gemacht, denn so langsam ging mir die One-Woman-Show auf den Nerv. Und ich war ja eigentlich auch hier um das Unternehmen und seine Mitarbeiter kennen zu lernen und nicht um den Text von der Unternehmenswebseite runter zu beten.

Mit einem „Nein, nein, erzählen Sie ruhig weiter… und Gesprächspartnerin A, machst Du mir noch einen Kaffee?“ wurden meine Zwischenfragen abgewiegelt.

Meine Fragen zum Unternehmen, ja ich hatte mich vorbereitet und wirklich ganz interessante Fragen aufgeschrieben, konnte ich dann auch nicht mehr wirklich stellen. Oder ich hatte keine Lust mehr. Weiß nicht. Das Ende des Gesprächs ist mir auch nicht mehr so in Erinnerung. Eher das Gefühl, das sich von Minute zu Minute verstärkt hatte. Und das war Ärger. Ich war ärgerlich über die vergeudete Zeit. Darüber, dass ich mich auf solch ein Gespräch auch noch vorbereitet hatte. Verärgert, dass ich nicht einfach aufgestanden war und gegangen bin.

Die beiden hatten einfach keine Lust auf ein Vorstellungsgespräch. Abgesehen davon, war die Position auch nicht ganz das, was ich mir für meinen Wechsel vorgestellt hatte. Aber die Einstellung und die Haltung der beiden zeigte mir komprimiert und prägnant, wie man es nicht macht. Wie man mir Bewerbern nicht umgehen sollte. Wie man sogar mit niemandem umgehen sollte, wenn man ein einigermaßen sozial-verträglicher Mensch ist.

Wo lagen für mich die Fehler?

Beim Empfang.

Man lässt seinen Gesprächspartner nicht eine Viertelstunde im überdimensionierten Eingangsbereich auf dem Präsentierteller warten. Nicht mal 10 Minuten. Das pünktliche Erscheinen zum Termin sollte selbstverständlich sein. Wo kommen wir denn hin, wenn jedes Meeting und jedes Treffen erst später beginnt als ausgemacht?

Bei der Begrüßung.

Selbst wenn der Bewerber zu spät kommt, wird ihm das nicht an den Kopf geknallt. Man fragt höflich, ob der Termin nicht zu einem anderen Zeitpunkt war und klärt das respektvoll. Wie steht man denn da, wenn man sich irrt. Für beide Seiten blöd. Für diejenigen die sich irren, doch noch blöder.

Beim Gesprächsbeginn.

Ich unterdrücke meinen Gesprächspartner doch nicht damit indem ich ihm mitteile wie unwichtig mir das Gespräch ist. Selbst wenn es so wäre. Es gehört sich nicht. Termine, welche mich nicht interessieren, kann ich auch absagen. Unpassende Termine verschieben. Ein Gespräch auf Augenhöhe beginnt nicht mit „eigentlich habe ich gar keine Zeit und was Besseres vor, aber bleib ruhig hier, jetzt bist du ja schon da“.

Beim Gesprächsverlauf.

Ein Gespräch sollte ausgewogen sein. Kein Monolog. Und ein Bewerber setzt sich auch nicht in das Vorstellungsgespräch um nur von sich zu erzählen und die Zahlen und Fakten der Unternehmenswebseite runterzuleiern. Der Bewerber sitzt vor dem Gesprächspartner, weil er Interesse an dem Unternehmen hat. Eine Kooperation eingehen will. Seine Arbeitsleistung anbietet. Aber im gleichen Zug auch erfahren will, ob das Unternehmen auch so zu ihm passt.

Zum Gesprächsabschluss.

Ja, sind wir mal ehrlich. Wenn kein Interesse besteht, kann man so etwas auch abkürzen. Man muss den Bewerber nicht unnötig festhalten und auch nicht auf eine spätere Antwort vertrösten. Das ist unnötig und falsch. Und dieses Gefälschte merkt doch der Bewerber. Er wird nicht dagegen reden und „gute Miene zum bösen Spiel“ machen. Innerlich ist das Thema aber durch. Belassen wir es dabei.

Was ich an diesem Tag für mich und meine Tätigkeit mitgenommen habe?

Einiges…

Ich beantworte pünktlich alle Bewerbungseingänge.

Termine werden passend vereinbart.

Das Vorstellungsgespräch wird auf Augenhöhe geführt. Es gibt keine fancy Personalerfragen oder irgendwelche Spielchen. Ich will mein Gegenüber kennenlernen. Und stelle mich und mein Unternehmen vor.

Absprachen, wie beispielsweise wann eine Rückmeldung von mir kommt, werden eingehalten.

Und wenn es nicht passt, dann kläre ich den Bewerber bestmöglichst auf.

Und noch vieles mehr.

Warum ich diesen Artikel schreibe?

Weil ich gerade sehr häufig an dem Unternehmensgebäude vorbeifahre und mir diese Erfahrung dadurch in den Sinn kommt. Ich bin weder enttäuscht, dort nicht arbeiten zu „dürfen“ noch trotzig, wie man mich so behandeln konnte. Es ist passiert. Und ich will nicht, dass „meine“ Bewerber auch nur ansatzweise solch eine Erfahrung mit mir machen. Das ist mein Ziel. Das ist mein Antrieb es besser zu machen.